{"id":1915,"date":"2019-06-07T13:02:06","date_gmt":"2019-06-07T12:02:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gruene-drensteinfurt.de\/content\/?p=1915"},"modified":"2019-06-07T13:37:15","modified_gmt":"2019-06-07T12:37:15","slug":"ein-reisebericht-aus-thueringen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gruene-drensteinfurt.de\/content\/index.php\/2019\/06\/07\/ein-reisebericht-aus-thueringen\/","title":{"rendered":"Ein Reisebericht aus Th\u00fcringen"},"content":{"rendered":"<p>Ein sch\u00f6ner Land in wilder Zeit<\/p>\n<p>Wenn man sich auf der A4 hinter Gotha in einer sanften Linkskurve auf Erfurt zubewegt, erblickt man ein beeindruckendes Panorama. Drei Inselberge erheben sich aus der Ebene, alle beh\u00fctet mit drei Burgen: die Veste Wachsenburg, die Burg Gleichen und die Ruine der M\u00fchlburg. Es ist das gr\u00fcne Herz Th\u00fcringens, zu F\u00fc\u00dfen der Th\u00fcringer Berge, das an diesem Christhimmelfahrtstag Ende Mai 2019 unter einem blauen Himmel seinen Glanz entfaltet.<\/p>\n<p>Gerade einmal zehn Tage war es her, dass ich ein Wochenende in Gotha zur Unterst\u00fctzung des dortigen Wahlkampfs verbracht hatte. Vor Blick auf den Urnengang hatte eine gespannte Vorfreude geherrscht. Nach dem unerwartet guten Abschneiden insbesondere in den Kommunalwahlen in Ostdeutschland freute sich nun die Reisegruppe auf ein Wochenendende voller Wiedersehensfreude und Feierlaune.<\/p>\n<p>Es war eine Jubil\u00e4umsreise, zu der Waltraud und Heinrich Angenendt, Maria T\u00f6lle, J\u00fcrgen Lange, Raphaela Bl\u00fcmer und Bernhard Meyer gen Osten aufgebrochen waren. Seit zehn Jahren bestand bereits die Freundschaft zwischen dem Gr\u00fcnen Ortsverband Drensteinfurt und den Gr\u00fcnen in Nesse-Apfelst\u00e4dt, wobei der Kreisverband aus Gotha im Laufe der Jahre mit in die Beziehung eingemeindet wurde.<\/p>\n<p>Es war ein Freundschaftsbesuch, weil nicht nur der Start der Partnerschaft aus dem Gef\u00fchl erwachsen war, dass hier etwas zusammen passen k\u00f6nnte. Sondern auch, weil sich im Laufe der Jahre auch \u00fcber die lange Distanz hinweg eine freundschaftliche Beziehung entwickelt hatte. Die politischen und gesellschaftlichen Ziele, die man trotz diverser kultureller und sprachlicher Barrieren teilt, haben sicher dazu beigetragen.<\/p>\n<p>Schon direkt nach der Ankunft im Pfarrhaus der Herrnhuter Br\u00fcdergemeine in Neudietendorf und der herzlichen Begr\u00fc\u00dfung durch Anette Theile begannen die intensiven Gespr\u00e4che auf dem ersten Spaziergang durch den Ort. Zwischen Wahlergebnissen, Kommunalpolitik und Familiengeschichten ging es hin und her, bis am sp\u00e4ten Abend der Grill erkaltet und so manche Flasche Bier gelehrt war. Auf dem Weg ins Nachtquartier beim Fraktionssprecher Rico Heinemann in Nesse-Apfelst\u00e4dt bekamen Raphaela und ich noch mit auf den Weg, f\u00fcr das Fr\u00fchst\u00fcck am n\u00e4chsten Morgen unbedingt DDR-Br\u00f6tchen vom B\u00e4cker mitzubringen.<\/p>\n<p>Zwar raubte uns die Vorstellung, DDR-Br\u00f6tchen kaufen zu m\u00fcssen, nicht den Schlaf. Und gemeinerweise war auch Rico nicht bereit, uns \u00fcber die Namengebung aufzukl\u00e4ren: &#8222;Schaut mal selber, n\u00f6!&#8220; Und so parkten wir am n\u00e4chsten Morgen vor dem B\u00e4ckerladen. Und tats\u00e4chlich &#8211; die Br\u00f6tchen hie\u00dfen wirklich so wie versprochen. Und auch der Himmel fiel uns keineswegs auf den Kopf bei der Bestellung. Und geschmacklich erreichte das Produkt beim Fr\u00fchst\u00fcck in allen Bewertungskategorien h\u00f6chste Punktzahlen.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Freitag stand der Besuch der Klassiker-Stadt Weimar auf dem Programm mit dem Schwerpunkt der Bauhaus-Ausstellung. Bedr\u00fcckend war die Bahnfahrt mit dem Blick auf den Glockenturm am ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald. In Weimar selber waren der Terror des Nationalsozialismus und die Vernichtung der Juden vergegenw\u00e4rtigt durch eine Bilderausstellung im \u00f6ffentlichen Raum. Sie erinnerte daran, dass im Dritten Reich die Insassen des Buchenwald-KZs durch die Stra\u00dfen der Goethe-Schiller-Stadt getrieben wurden.<\/p>\n<p>Erster Programmpunkt war der Besuch eines offenen Jugend- und Kulturzentrums mit dem Namen &#8218;Mon Ami&#8216;. Dieser stammt keineswegs aus dem Franz\u00f6sischen, sondern stellt lediglich eine Verballhornung des Bergriffs &#8218;Mein Amerikaner&#8216; dar. Denn nach dem Ende des 2. Weltkriegs hatte die amerikanische Milit\u00e4rverwaltung das Geb\u00e4ude genutzt, unter anderem, um dort Tanzveranstaltungen abzuhalten.<\/p>\n<p>Nach Stadtbesichtigung und Mittagessen stand der Besuch der Bauhaus-Ausstellung auf dem Plan. 100 Jahre nach der Gr\u00fcndung in Weimar feierte\u00a0 die Stadt die Geburt dieser Kunstbewegung mit zahlreichen Veranstaltungen. Die Ausstellung zeigte sehr eindringlich, welchen Einfluss insbesondere auf Architektur, Design und Handwerk diese Bewegung hatte. Die Moderne, wie wir sie in Europa kennen, ist ohne die Ideen von Schlemmer, Gropius und van der Rohe nicht vorstellbar.<\/p>\n<p>Zum Abendessen trafen wir uns im Pfarrhaus von Ingersleben bei Michael G\u00f6ring, der sich nach der Kommunalwahl als Mandatstr\u00e4ger aus der Politik zur\u00fcckgezogen hat, um einer neuen Generation Platz zu machen. Dieser Abend bot in seinen Gespr\u00e4chen den Raum, auf die Vergangenheit, insbesondere in der ehemaligen DDR zur\u00fcckzublicken. Die Geschichten, auch wenn sie teilweise mit humorigen Anekdoten ausgeschm\u00fcckt wurden, warfen immer noch einen bedr\u00fcckenden Schatten, dem man auch als Zuh\u00f6rer deutlich wahrnehmen konnte. Der Begriff &#8218;Dorffunk&#8216; wurde ausf\u00fchrlich erl\u00e4utert, insbesondere dessen Funktion bei der Mobilisierung der Bev\u00f6lkerung bei den Wahlen.<\/p>\n<p>Es war schlichtweg normaler Alltag, dass man in der DDR die Wahlkabine nicht benutzt hatte und dass s\u00e4umige W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler \u00fcber die ortseigene Lautsprecheranlage \u00f6ffentlich zur Stimmabgabe aufgerufen wurden. Es war system\u00fcblich, dass eine Lebensbiographie sich schlichtweg \u00fcber die Konformit\u00e4t mit dem Staatssystem ergab und eben nicht aus Vorlieben und Talent. Doch durch diese Erz\u00e4hlungen strahlten immer wieder das Gl\u00fcck und die Freude \u00fcber die gelungen friedliche \u00dcberwindung der Diktatur hindurch.<\/p>\n<p>Auch dieser Abend endete mit einem Bestellauftrag f\u00fcr DDR-Br\u00f6tchen, der am folgenden Morgen schon Routinem\u00e4\u00dfig abgewickelt wurde. Der Samstag begann mit einem Besuch der Gem\u00e4ldesammlung im Gothaer Schloss, die mit Werken von Cranach und Caper David Friedrichs gl\u00e4nzte. Beim anschlie\u00dfenden Gang durch die Stadt lie\u00df Michael G\u00f6ring nochmals die aufregenden Tage der B\u00fcrgerrechtsbewegung zum Ende der DDR Revue passieren, als die Menschen in gro\u00dfen Massen auf die Stra\u00dfe gegangen waren, um den Rednerinnen und Rednern des gesellschaftlichen Aufbruchs zuzuh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Im Anschluss ging es mit der Waldbahn zum Landschaftspark Rheinhardsbrunn nachdenklich und dem darin liegenden Schloss. Bei diesem Gel\u00e4nde handelt es sich um ein Privatisierungsprojekt, dessen Scheitern das Land Th\u00fcringen zu einer kostspieligen Rettungsaktion zwang. Eine Enteignung des Besitzers sorgte letztendlich f\u00fcr die notwendige Kl\u00e4rung der Eigentumsverh\u00e4ltnisse. Das Bausubstanz des dortigen Schloss zerf\u00e4llt nunmehr seit 30 Jahren, so dass auf der anderen Seite die Natur von der Situation profitierte und sich einen wilden Lebensraum zur\u00fcck erobern konnte. So steht das traditionsreiche Schloss nun in der Landschaft zwischen Dornr\u00f6schenschloss-Ambiente und Bauruinenstaub.<\/p>\n<p>Die Pflege des Landschaftspark und die F\u00fchrungen \u00fcber das Gel\u00e4nde werden durch Subotnik-Eins\u00e4tze engagierter B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger, also mit samst\u00e4glicher, ehrenamtlicher Arbeit, geleistet. Ziel der Initiative ist es, dass das Land Th\u00fcringen die Verantwortung f\u00fcr Landschaftspark und Geb\u00e4ude \u00fcbernimmt und in einem umfassenden Nutzungskonzept Natur und Geschichte f\u00fchrt die Menschen erlebbar macht<\/p>\n<p>Stimmungsvoller Abschluss und H\u00f6hepunkt der Reise ins wilde Herz der Th\u00fcringer Gr\u00fcnen war gemeinsame Sommerfest am Samstagabend im Pfarrgarten der Herrnhuter Br\u00fcdergemeine. Die beiden Ratsmitglieder Waltraut Angenendt und Anette Theile lie\u00dfen nochmals die Geschichte der zehnj\u00e4hrigen Freundschaft Revue passieren. REs war ein Wiedersehen von zahlreichen Freundinnen und Freunden, aber auch der Moment, neue Verbindungen zu kn\u00fcpfen. Es lie\u00df sich in den Geschichten und Erz\u00e4hlungen erleben, wie eng das Netz der Gemeinschaft bereits gekn\u00fcpft war und wie der Zufall \u00fcberraschende Verbindungslinien aufdeckte.<\/p>\n<p>Und als die Sonne lange untergegangen war, die Feuerstelle loderte, wurden die Liederb\u00fccher rausgeholt. Denn schon vor Jahren hatten wir erfreut festgestellt, dass das gemeinsame Volksliedgut die jahrzehntelange Trennung \u00fcberdauert hatte. &#8222;Kein sch\u00f6ner Land&#8220; und &#8222;Ich wei\u00df nicht, was soll es bedeuten&#8220; blieb beidseits des Eisernen Vorhangs erhalten und erinnerte uns alle daran, dass gerade auch die Kultur ein kraftvolles Bindeglied zwischen Menschen sein kann. Und so endete der Abend mit einer f\u00fcr alle fassbaren Gewissheit: n\u00e4mlich dass sich der Einsatz f\u00fcr diese innerdeutsche Partnerschaft gelohnt hat und fruchtbar weitergedeihen soll.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen breitete sich schon fr\u00fch eine graue Abreisestimmung aus. Nat\u00fcrlich wollten die Gespr\u00e4che nicht enden, denn so viel gab es noch zu erz\u00e4hlen, so viele Ideen zu besprechen und so viele Ziele gilt es doch noch zu erreichen. (Wie l\u00e4sst sich der Landtagswahlkampf in Th\u00fcringen unterst\u00fctzen? Wie kann eine Hilfe im Drensteinfurter Kommunalwahlkampf ausgestaltet werden? Wer trifft sich auf dem Kirchentag in Dortmund). Doch die Zeit verrann unerbittlich und der Abschied war entsprechend bewegend.<\/p>\n<p>Nun ist dieser Reisebericht doch ein wenig pers\u00f6nlicher geraten, als ich ihn zuerst angedacht hatte. Und so skeptisch ich auch zu Beginn auf die Planung der zwei dichten Wochenenden in Th\u00fcringen geblickt hatte, so kann ich heute f\u00fcr mich festhalten: Es waren wilde, bewegende Tage, die mir immer in Erinnerung bleiben werden, nicht nur wegen der gesellschaftlichen Wendezeit, deren Gr\u00fcnen Duft sich in diesen Sp\u00e4tfr\u00fchlingstagen erschnuppern l\u00e4sst.<\/p>\n<p>J\u00fcrgen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein sch\u00f6ner Land in wilder Zeit Wenn man sich auf der A4 hinter Gotha in einer sanften Linkskurve auf Erfurt zubewegt, erblickt man ein beeindruckendes Panorama. 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